von FloRi

Tag 1: Freitag

Der Beginn des 13. Wave-Gotik-Treffens stand für die schwarzen Münchner unter keinem guten Stern. Im Verlauf des Tages erreichte uns die Nachricht vom tragischen Tod zweier Mitglieder des Forums. Auch wenn Jens und Jörg mir nicht persönlich bekannt waren, gilt mein tiefes Mitgefühl an dieser Stelle den Familien und Bekannten. Zudem möchte ich mich für die schnelle, umsichtige Reaktion und die Betreuung durch die Treffen-Veranstalter sowie die örtlichen Hilfskräfte bedanken, die bei einem Festival dieser Größenordnung sicher nicht selbstverständlich ist.
Für einen Großteil der angereisten Münchner begann das WGT in diesem Jahr mit der Eröffnungsparty im Darkflower schon am Donnerstag. Der schweizer DJ V404 und seine Landsfrau DJane Schwarzfee sorgten mit EBM und Weiberelektro für eine stets gut gefüllte Tanzfläche und mächtig Vorfreude auf die kommenden Tage beim Publikum. Wie fest der Laden an diesem Abend in Münchner Hand war, zeigte sich eindrucksvoll als wir um Mitternacht die Gläser auf unseren Nero-DJ Frank erhoben und mit unserem Happy-Birthday-Ständchen locker gegen den Electro-Sound der beiden DJs ansangen.

Am Freitag wollten sich die meisten Festival-Besucher zunächst mit den neuesten Klamotten und Accessoires ausstatten, um an den folgenden Tagen nicht nur durch innere Werte aufzufallen. Anders ist der Andrang in der Schwarzen Messehalle kaum zu erklären. An den meisten Ständen herrschte dichtes Gedränge, einige Anbieter lockten mit zum Teil erheblichen Preisnachlässen und die Kollegen von X-tra-X mussten, wie schon im letzten Jahr, zeitweise mit Türstehern arbeiten, um das Gedränge am Stand in einigermaßen erträglichen Grenzen zu halten. Auf dem Weg zu den ersten Konzerten im Werk II war dann auch dementsprechend wenig Platz in der Tram, mussten doch neben den zahlreichen Schwarz-Romantikern auch unzählige Tüten, Kartons und bis zum Bersten gefüllte Taschen in den wenigen Wagons unterkommen. Anders als der dem Geiz verfallene Rest der Republik müssen sich Goths offensichtlich keine Gedanken über ein Loch in der Geldbörse machen, von Konsumverweigerung jedenfalls gab es keine Spur an diesen Tagen.

Im Werk II erlebte ich noch die letzten Takte von Cultus Ferox, die mit mittelalterlichen Klängen und selbst bereits am Rande der Erschöpfung dem Publikum Beine machten. Nach kurzem Umbau kam dann ein für meine Begriffe heftiger Schwenk in Sachen Stilrichtung: Unheilig (www.unheilig.com) geben sich die Ehre und sorgen mit einer angenehm heftigen Mischung aus Gothrock, Electro und eingängigen deutschen Texten für 50 Minuten ausgelassene Partylaune bis in die letzten Reihen. Der Graf wurde optisch seinem Nickname gerecht und bestritt seine energetische Show stilecht mit Anzug, Hemd und Krawatte. Natürlich hatte er auch stimmlich einiges zu bieten, nämlich einen einprägsamen Gesang, der mal bedrohlich, mal erfrischend, manchmal stolz und dann wieder zerbrechlich, aber zu jedem Zeitpunkt souverän wirkte. Im Verlauf des viel zu kurzen Gigs standen unter anderem die Titel „Herz aus Eis“, „Schattenwelt“ sowie „Maschine“ und „Freiheit“ auf dem Programm, die von den Fans aus vollem Halse mitgesungen wurden.

Nach einer kurzen Umbau- und Verschnaufpause folgten schließlich Gothminister (www.gothminister.com), die ähnlich wie zuvor Unheilig elektronische Einflüsse mit harten Gitarrensounds kreuzen. Die Norweger legten bei ihrem Auftritt die Messlatte in Sachen Härte allerdings deutlich höher und sparten im Verlauf der Show nicht mit pyrotechnischen Effekten und anderen Showeinlagen. Dennoch konnten Gothminister das Publikum mit ihren „Gothik Electronic Anthems“, so der Titel des aktuellen Longplayers, nicht so sehr fesseln wie zuvor Unheilig und so hielten sich die Zugabeforderungen letztlich in kaum hörbaren Grenzen. Erst gegen Ende der Show füllte sich die Halle wieder, diesmal allerdings bis auf den letzten Platz. Immerhin standen mit Terminal Choice (www.terminalchoice.de) hochkarätige Headliner auf dem Programm.

Die Band um Teenie-Schwarm Chris Pohl überzeugte mit einer erfrischend geradlinigen Show ohne Special Effects. Chris wirkte ganz ohne die mitunter peinliche und oft kopierte Blutengel-Schminke deutlich sympathischer und fast hatte man das Gefühl, hier würde ein einfaches, familiäres Punk-Konzert steigen. Der durchweg harte und druckvolle Sound der Gruppe hatte allerdings keine Auswirkungen auf die stattlich hohe Anzahl von Teen-Goth-Mädels in der Halle, die ständig zwischen erster Reihe und Tontechnik hin und her wuselten. Immerhin kamen weder Chris noch seine Mitstreiter dem Ausziehen-Gekreische eben dieser Mädels nach. Soweit dies aus Platzgründen noch möglich war, ging das Publikum schon beim Opener „Collective Suicide“ mit und gnädig verziehen Terminal Choice und ihre Fans dem Veranstalter die schwachen Batterien des Mikros. Nach einem Wechsel folgten dann mehr als eine Stunde TC-Kracher mit der vollen Stimmgewalt Pohls. Der Schwerpunkt lag dabei deutlich hörbar auf dem aktuellen Album „Menschenbrecher“ und so fanden neben dem Titelsong auch Stücke wie „Pull the Trigger“, „Eiszeit“ und „She’s the Devil“ auf die Playlist. Daneben durften natürlich ältere Klassiker wie „Der schwarze Mann“ und „Castles in the Sky“ nicht fehlen, so dass Terminal Choice insgesamt einen überzeugenden, wenn auch viel zu kurzen Rückblick auf 10 Jahre Bandgeschichte boten und ein begeistertes Publikum in die kühle Leipziger Nacht entließen.

Dass ich nicht der einzige war, der anschließend schnell zurück in die Agra-Halle wollte, merkte ich in einer restlos überfüllten Tram, in der es kaum noch Luft zum atmen gab. Aber egal, was tut man nicht alles für Camouflage. Bis zu deren Auftritt hatte ich aber zunächst alle Hände voll zu tun, in der ebenfalls überfüllten Halle einen Platz zu ergattern, der sowohl freien Blick auf die Bühne als auch Entspannung für meine an diesem Tag schon meilenweit gelaufenen Füße bot, ein fast aussichtsloses Unterfangen. Währenddessen rockten Suicide Commando (www.suicidecommando.com) das Haus und in gewohnt souveräner Manier brachte Sänger und Mastermind John van Roy die Stimmung mit der aktuellen Single ?One Nation under God? und dem Clubhit ?Love breeds Suicide? zum Kochen. Das Publikum dankte es den Belgiern mit tosenden Beifallsbekundungen und einer im Vergleich zum Münchner Konzert beeindruckenden Tanzwut. Angesichts der reichlich vorhandenen Kondition und andauernden Feierlaune des Publikums wurde der Auftritt der Headliner kurzerhand etwas nach hinten verschoben, um Suicide Commando noch eine Zugabe zu ermöglichen. Und so krönten die Belgier ihren Auftritt -wie könnte es anders sein- mit „Dein Herz meine Gier“. Damit hatte die Band ordentlich vorgelegt und machte es der nachfolgenden Gruppe nicht eben leicht, noch einen drauf zu setzen.

Ursprünglich angekündigt als Mitternachts-Spezial starteten Camouflage (www.camouflage-music.com) ihren Auftritt mit deutlicher Verspätung. Obwohl die Jungs mittlerweile einige Chartplatzierungen verbuchen können, leerte sich die Halle im Verlauf des Konzerts deutlich. Das hatte sicherlich am eher langsamen, melancholischen Sound der Truppe gelegen, der es nur schwer mit den tanzbaren Rhythmen der Vorgänger aufnehmen konnte. Dennoch bot die „deutsche Antwort auf Depeche Mode“ gut vier Jahre nach ihrem letzten WGT-Gastspiel eine runde Show und präsentierte alle Highlights ihrer Karriere, wobei insbesondere die Evergreens wie „The Great Commandment“ oder „Love is a Shield“ vom Publikum besonders gefeiert wurden. Doch egal ob alte oder neue Stücke, besonders überzeugend wirkte Sänger Markus Meyn, der mit seiner beeindruckenden Stimme für Gänsehaut-Feeling sorgte und die Show jederzeit souverän im Griff hatte.

 

Tag 2: Samstag

Angesichts des langen ersten Tages, ließen wir den Samstag etwas gemächlicher beginnen und blieben lange im Hotel beziehungsweise bei einer herzhaften Schüssel Chili con Carne in der Moritzbastei sitzen. Ein Bummel durch die Innenstadt bestätigte zudem den Eindruck von den Verkaufsständen in der Schwarzen Messehalle am Vortag: Egal ob „Gotik & Schach“, „HautNah“ oder die zahlreichen Fashion-Stores, die extra zu Pfingsten ihre Schaufenster stilvoll schwarz dekoriert hatten, überall wimmelte es von Gruftis, die sich im feilschen übten oder prall gefüllte Tüten in ihre verschiedenen Unterkünfte schafften. Auch die Leipziger hatten sich schnell wieder an ihre eigenartigen Besucher gewohnt und so bot sich bei strahlendem Sonnenschein ein friedliches dunkel-buntens Miteinander in den zahlreichen Cafes der Innenstadt.

In Sachen Konzerte stand heute zunächst die Parkbühne auf dem Programm, wo Sanguis et Cinis (www.sanguisetcinis.com) ihr Gastspiel absolvierten. Die Österreicher um Sänger und Gitarrist Eve Evangel vereinten in ihrer vielschichtigen Musik Einflüsse so ziemlich aller Gitarren-lastigen Musikstile und würzten das ganze dezent mit elektronischen Einflüssen. Für Abwechslung sorget dabei vor allem Celine Cecilia Angel, die sich bei den Vocals hervorragend mit ihrem Frontmann ergänzte. Musikalisch legten Sanguis et Cinis ihren Schwerpunkt auf das aktuelle Album „TH1RTE3N“ und stifteten ihr Publikum damit zum Mitsingen, Mittanzen und Mitrocken an. Einmal mehr ein Konzert, das viel zu kurz war und so bleibt zu hoffen, dass die Alpen-Goths bald mehr von sich hören und vor allem sehen lassen, etwa im Rahmen einer eigenen Tour. Das Potenzial für volle Hallen ist sicherlich vorhanden.

Mit einer zweifelhaften Show beglückten im Anschluss Diva Destruction (www.divadestruction.com) die Besucher der Parkbühne. Während der Gitarrist wirkte wie in Trance und man das Gefühl hatte, er würde jeden Moment auf die Bretter knallen, übte sich Sängerin Debra im Ausdruckstanz. Wahlweise bewaffnet mit schwarzen Bändeln, einem Spazierstock, einem Strauß weißer Rosen oder einer schwarzen Fahne, tippelte die Frontfrau über die Bühne und schwang theatralisch ihre diversen Utensilien. Das Konzert selbst war solide und beinhaltete gleichermaßen Songs beider bisher erschienen Alben. So gaben die Amerikaner unter anderem „Exposing the Sickness“ oder „Tempter“ zum besten. Wer allerdings die Longplayer kennt, der hat sich live sicher mehr erwartet. Demgemäß wurden die Schlangen an den verschiedenen Imbissständen immer länger. Obwohl sich die Stimmung vor der Parkbühne in Grenzen hielt, bedankte sich die Band nach der Show artig beim Publikum: Der Drummer warf an die zehn Sticks ins Publikum, während Debra einen Haufen roter Rosen entsorgte.

Schließlich bestritten Clan of Xymox (www.clanofxymox.com) für diesen Abend das Finale auf der Parkbühne. Mit ihrem ganz eignen Sound sorgten Ronny Moorings und seine Mitstreiter schnell wieder für freudige Gesichter am Ort des Geschehens und bereits der erste Titel „There’s no Tomorrow“ brachte das Publikum zum Tanzen: Kaum einer blieb hier still auf den Beinen und so wogte die Menge ausgelassen im Rhythmus. Dabei verzichteten COX auf sämtliche Special Effects und auch die Lichtshow hielt sich in geradezu spartanischen Grenzen. Einzig durch das mitreißende musikalische Können bestätigten COX einmal mehr ihre besondere Stellung in der alternativen Musiklandschaft.

Viel zu früh musste ich das Konzert in der Parkbühne verlassen, um zumindest noch die zweite Hälfte des Auftritts von Covenant (www.covenant.se) in der Agra-Halle zu erleben. Auch diese Fahrt ging in einer völlig überfüllten Tram vonstatten, in der noch dazu ein offensichtlich übergeschnappter Schaffner für so manchen Schreckensschrei bei meinen Leidensgenossen sorgte. Wer gedacht hatte, das die Halle am Vortag bei Suicide Commando voll gewesen sei, wurde an diesem Abend eines besseren belehrt: Die Agra war bis zum Bersten gefüllt. Auf das Tanzverhalten des Publikums hatte das allerdings kaum negativen Einfluss, denn die Show der Schweden riss die Menge förmlich mit. Angereichert mit verschiedenen Video-Projetionen und einer gigantischen Lichtshow spielten Covenant ihre Klasse voll aus und die bekannten Dancefloor-Kracher wie „Call the Ships to Port“, „Stalker“, „One World One Sky“ und viele mehr wurden richtig gefeiert. Seine ganze Stimmgewalt spielte Sänger Eskil aber erst bei den ruhigeren, fast balladesken Titeln wie „Invisible & Silent“ voll aus. Nach knapp 90 Minuten Party pur war es damit an der Zeit für die lautstark geforderte Zugabe. Mit der englischsprachigen Version von „Der Leiermann“ krönten Covenant eine eindrucksvolle und absolut gelungene Show.

Den Abend beschloss ich schließlich in der mehr als nur gut besuchten Moritzbastei, die neben gutem Essen und geradezu geschenkten Getränkepreisen vor allem mit drei Dancefloors aufwarten konnte. Die Tatsache, dass die MoBa durch ihr Ambiente und die vielfältigen Möglichkeiten mit eine der besten Locations für WGT-Partys ist, wurde lediglich dadurch beeinträchtigt, dass auf allen drei Tanzflächen irgendwie das gleiche lief: EBM & Weiberelectro bis zum Abwinken. Schade, denn meiner Meinung nach haben die Veranstalter hier eine gute Möglichkeit verschenkt, dem vielschichtigen Musikgeschmack der Szene gerecht zu werden und für jedes Ohr den passenden Sound zu bieten.

 

Tag 3: Sonntag

Der Tag begann recht gemächlich mit einem Ausflug zum Völkerschlachtdenkmal, dass ob des schönen Wetters an diesem Tag von zahlreichen Gruftis besucht wurde. Die bieder wirkenden Bediensteten der Stadt Leipzig hatten sich an den Anblick in den vergangenen Tagen bereits gewöhnt und standen den mitunter leicht bekleideten Gästen gerne Rede und Antwort. Lediglich eine Gruppe japanischer Touristen schien von dem Schauspiel an dieser historischen Stätte wenig angetan und beschränkte ihren Zwischenstopp mithin auf einige weniger Drücker auf die Auslöser ihre Kameras.
Später an diesem Tag begeisterte mich das Werk II einmal mehr durch ein LineUp abseits des schwarzen Musik-Mainstreams. Hier hatten sich zahlreiche Bands des schwedischen Labels Cold Meat Industry eingefunden und begeisterten das mit Sounds irgendwo zwischen Dark Ambient, Noise und Industrial. Die Zahl der Besucher hielt sich an diesem Tag in deutlich überschaubaren Grenzen, war das Werk II doch höchstens bis zur Hälfte gefüllt. Angesichts dieser verhältnismäßig geringen Besucherzahlen freute es mich umso mehr, dass die Organisatoren des Treffens nicht vollständig auf diese Art der Musik verzichtet haben und deren Anhängern mit dem Wer II zudem eine ordentliche Location zur Verfügung stellten.

Experimentell und leicht psychedelisch wirkte der Sound von Deutsch Nepal (coldmeat.se). Eingängige elektronische Rhythmen wechselten sich ab mit schwer zugänglichen Klangstrukturen, die ergänzt wurden durch den teilweise Muzzahedin-haften Sprechgesang von Lina B. Doll, dem Kopf des Projektes. Trotz der zum Teil verschlossen wirkenden Sounds schaffte es die Gruppe eindrucksvoll, das Publikum zu fesseln und in Ekstase zu versetzen.

Ulf Söderbergs Projekt Sephiroth (www.sephiroth.com) geht zurück auf sein Faible für alte Mythen und Rituale, für versunkene Kultstätten und Denkmäler, deren Geschichten er musikalisch umsetzt. Diesem Anspruch entsprechend fangen Sephiroth die verschiedenen damit verbunden Eindrücke und Gefühle auf und setzten diese musikalisch um. Daraus resultieren vielschichtige atmosphärische Soundstrukturen, die mal elfengleich-zerbrechlich klingen, um im nächsten Moment mit der Härte brachialer Urgewalten auf das Publikum niedergehen. Pulsierender, ritueller Dark Ambient vom feinsten, der zwar nur bedingt Club-tauglich, dafür aber bestens geeignet ist zum Träumen und Entspannen oder für so manche zweisame Stunde.

Irgendwo zwischen Dead can Dance und Industrial liegen die musikalischen Wurzeln der 2000 erstmals mit einem Album in Erscheinung getretenen Gruppe Coph Nia (www.cophnia.com). Düstere Industrialklänge, die ergänzt wurden durch die Percussions eines Live-Musikers, das sind die Markenzeichen der Formation. Gefühlvoll liegt darüber der (Sprech-)Gesang des Frontmannes, der sich hervorragend in die atmosphärisch-düstere Musik einbettet. Kein Wunder, dass die Schweden in der Dark Ambient-/ Industrial-Szene längst den Ruf eines Geheimtipps abgelegt und sich stattdessen als feste Größe etablieren konnten und auch im Werk II heftige Beifallstürme ernteten. Definitive Anspieltipps für Interessierte sind „Holy War“ und „The Hall of Truth“.

Später am Abend stand schließlich der Auftritt von Feindflug (www.feindflug.net) im Haus Leipzig auf dem Programm. Bereits bei meiner Ankunft kurz vor Beginn des Konzerts hatte sich vor dem Gebäude eine lange Reihe aus mehreren hundert Fans gebildet, die vergeblich Einlass begehrten. Auf Grund von besonderen Richtlinien für das alte und zum Teil baufällig wirkende Gebäude sollte ihnen dieser Wunsch jedoch nicht gewährt werden. Im ersten Stock hatte das Konzert bereits begonnen und bis in die letzten Reihen stampften die Massen zur Musik der deutschen Electro-Industrial-Gruppe. Drummer Beam prügelte sich die Seele aus dem Leib und war bereits nach wenigen Minuten schweißgetränkt. Oben ohne und mit unglaublicher Energie lies er es sich aber nicht nehmen, die Menge immer wieder anzuheizen und ein wenig Leben in die Show zu bringen, die neben der harten Musik in erster Linie aus einer infernalischen Lightshow und den Video-Projektionen bestand. Letztere waren definitiv nichts für schwache Nerven, zeigten die Filmchen doch grausame Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg oder von Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl beziehungsweise von Erschießungen. Damit visualisierte die Gruppe eindrucksvoll die Themen, mit denen sie sich schwerpunktmäßig beschäftigt, nämlich mit der „Tötungsmaschine Mensch“ und verursachte zugleich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Entsprechend furchteinflößend wirkten die Bühnenaufbauten: Ein Flak-Geschütz in der Mitte der Bühne zog immer wieder die Blicke auf sich, Beams Drumset war auf und um eine Panzersperre aufgebaut, das ganze wurde wirkungsvoll durch Tarnnetze und die martialischen Uniformen der Musiker ergänzt. Musikalisch spielte die Band bekannte Stücke wie „Glaubenskrieg“ und „Stukas im Visier“, schreckte aber auch vor weniger bekannten Liedern nicht zurück. Gemeinsam war den Songs eine extreme Härte und Tanzbarkeit, die ich in der Form nicht erwartet hatte. So spielten Feindflug einmal mehr ein rundes und sehr schönes Konzert und legten beeindruckende Livequalitäten an den Tag, die für eine Electro-Band nicht unbedingt typisch sind. Etwas getrübt wurde der Gig meiner Meinung nach nur durch die Tatsache, dass einige wenige Ewig-Gestrige den Zugabe-Ruf durch ein dumpfes „Sieg Heil“ ersetzten. Damit bewiesen sie einmal mehr ihren Stumpfsinn und zeigten eindrucksvoll, dass sie weder die Geschichte, noch die Band Feindflug verstanden haben.

 

Tag 4: Montag

Auch dieser Tag beginnt wieder etwas später, forderte doch die Party in der Moritzbastei am Vorabend ihren Tribut. Nach einem ausgiebigen Frühstück stand dann zunächst ein Besuch auf dem Agra-Gelände an. Auf Grund des einsetzenden Regens zog es jene Goths, die mit dem Feuerwerk mittelalterlicher Acts in der Agra-Hall nichts anfangen konnten, scharenweise zurück in die Schwarze Messehalle. Während also die Aussteller mit LastMinute-Angeboten versuchten, ihre Waren an den Mann zu bringen und so den Rücktransport in ihre Läden zu vermeiden, setzte in den Gängen und auf den Ständen wieder dichtes Gedränge ein. Wer noch nicht seine komplette Urlaubskasse versetzt hatte oder sich dem allgemeinen Kaufrausch bisher entziehen konnte, versuchte hastig, sich die letzten Schnäppchen zu sichern.

In Sachen Konzerte zog es mich am frühen Abend in das etwas außerhalb gelegene Haus Auensee. Trotz des schlechten Wetters und der weiten Anfahrt, war die Location gut gefüllt und auch im Restaurant versorgten sich einige Goths mit den dort angebotenen Leckereien. Auf meiner Konzertliste standen aber zunächst Xotox (www.xotox.info), die bereits seit 1998 aktiv sind. Charakteristisch für Andreas Davids? Projekt sind harte, tanzbare Beats, eingängige Melodien und die immer wieder eingestreuten Noise-Anschläge auf das Ohr. Machen schon die Stücke auf verschiedenen Silberlingen Lust auf mehr, so stellten Xotox an diesem Abend ihre hervorragenden Livequalitäten erfolgreich unter Beweis. Frenetisch wurden die einzelnen Titel bejubelt und wer nicht völlig platt in der Ecke saß, der tanze was das Zeug hielt.

Eine besondere Überraschung im positiven Sinn erlebte ich im Anschluss mit Proyecto Mirage (www.projekcto-mirage.com) aus Spanien. Obwohl die Gruppe, bestehend aus Alicia H. Willen und Francisco Planellas, bereits 1990 gegründet wurde, waren sie mir bisher noch nicht unter gekommen und ähnlich ging es auch zahlreichen Besuchern des Haus Auensee. Verstecken musste sich das Duo aber beileibe nicht. Ganz im Gegenteil eroberten die Spanier die Herzen und Tanzbeine der Gäste im Strum, völlig ohne Starallüren und aufgesetztes Gehabe. Nur durch gute Musik, die Elemente aus Industrial, Techno, EBM und Noise fantastisch zusammenführte fesselten Proyecto Mirage ihr Publikum von ersten Takt an und ernteten mit heftigen Beifallsstürmen nach jedem Titel den wohl verdienten Preis für ihre Mühen. Einen nicht unerheblichen Anteil hatte daran sicher auch sowie durch die energetische Bühnenpräsenz von DJane/ Sängerin Alicia, die zeitweise mit Magfon bewaffnet die kurzen Textpassagen präsentierte und dabei jederzeit ihren Spaß an der Musik ans Publikum weitergab.

Als nächstes waren Kiew (www.kiew.org) an der Reihe, die in letzter Zeit mit dem in den Clubs bekannten Industrial-Electro-Kracher „Diskette“ von sich Reden machten. Nach einem kurzen Intro, der sogenannten „Anstaltsordnung“, die unter anderem einen augenzwinkernden Haftungsausschluss bei Hörschäden beinhaltete, legte die Gruppe in Begleitung je eines Gitarristen beziehungsweise Bassisten mit krachenden Industrial-Sounds los, die teilweise durch Sprechgesang und kurze Samples ergänzt wurden. Leider wirkten die beiden Saitenzupfer für mich etwas deplatziert, erweckten ihre Akkorde doch einen monotonen und wenig inspirierten Eindruck der so gar nicht zur Musik von Kiew passen wollte. Das unmotivierte Herumgehopse der beiden tat dabei ein übriges zum Fragwürdigen Einsatz der Instrumentalisten. Dennoch knüpften Kiew mit ihrer Show dort an, wo zuvor Proyecto Mirage aufgehört hatten: Der Sound ging direkt ins Tanzbein, die Halle war nach kürzester Zeit wieder am Toben und enthusiastisch wurde jeder Track bejubelt. Wer im Verlauf der Show bereits am Ende seiner Kondition angekommen war, suchte sich am Rande des Geschehens einen freien Platz und konnte so ungestört den kurzen Video-Projektionen folgen, in denen die einzelnen Stücke eine gelungene visuelle Umsetzung fanden. Auf der Playlist standen unter anderem die Titel „dcdisk“, „Nachtwache“ und der ebenfalls aus den Clubs bekannte Hit „Feierabend in Kiew“.

Seit 1991 sind Winterkälte bereits musikalisch aktiv und bezeichnen ihre Musik selbst als „Rhythmical Structure of Destruction.“ Rhythmischer und mithin extrem tanzbarer Industrial wäre meine Definition des Sounds, der durch intelligente Arrangements und viel Abwechslung seine Abgrenzung zu den unzähligen sich ähnelnden und gegenseitig kopierenden Szene-Acts findet. Auch dieses Projekt reihte sich nahtlos in das erstklassige Lineup dieses Abends ein und das Publikum verausgabte sich wie schon bei den vorangegangenen Gruppen mit Tanzen, Stampfen und rhythmischm Zappeln bis zur völligen Erschöpfung.

Den Abschluss -meines- WGT 2004 bildete dann erneut ein Besuch in der Moritzbastei, wo die gut besuchte Abschlussparty stattfand, auf der wieder zahlreiche Münchner Gäste gesichtet wurden. Auf keiner der Tanzflächen gab es an diesem Abend viel Platz zu tanzen, doch die Stimmung der Gäste konnte das nicht drücken. Eifrig wurden die besten Erlebnisse der letzten Tage ausgetauscht, noch neue Kontakte geknüpft und gemeinsam bis in die frühen Morgenstunden gefeiert.

Im Rückblick auf das diesjährige Wave-Gotik-Treffen bleibt zu sagen, dass die Veranstaltung einmal mehr hervorragend organisiert war. Eine Aufgabe, die bei einem Event dieser Größenordnung mit rund 19.000 Goths und mehr als 150 Bands aus aller Welt sicher nicht leicht zu bewältigen ist. Was die Bandauswahl betrifft, sind die Organisatoren ihrem Anspruch, kein Headliner-Festival zu veranstalten einmal mehr gerecht geworden: Neben den Stars der schwarzen Szene gab es zahlreiche junge und weitgehend unbekannte Gruppen zu sehen, die in den meisten Fällen durchaus überzeugen konnten. Zudem spiegelte die Bandauswahl den breiten musikalischen Geschmack der Szene hervorragend wieder, waren doch Acts aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen in Leipzig vertreten. Positiv aufgenommen wurde außerdem das umfangreiche Rahmenprogramm, das abseits der unzähligen Konzerte durch diverse Filmvorführungen, Lesungen, Rollenspiele und dergleichen mehr abgerundet wurde. Darüber hinaus verlief das Treffen erneut äußerst friedlich und sowohl Leipzigs Bürger als auch die Herren und Damen im schmucken Grün zeigten sich kulant und aufgeschlossen gegenüber ihren jährlich wiederkehrenden Gästen. In diesem Sinne danke ich den Organisatoren für ihre Bemühungen in diesem und hoffe ich auf ein ähnlich gutes Festival im kommenden Jahr. Inzwischen freue mich auf das M’era Luna, quasi als Übergangslösung für den Sommer. 😉

Eine Antwort auf Wave-Gotik-Treffen 2004

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