von Daniela Mühlbauer

Malträtierte Kochtöpfe, Fußball und Reli-Unterricht

Die bayerische Fraktion der Letzten Instanz

Am Anfang war die Band „Illuminator“ – die Schulband des Nailaer Gymnasiums -, in der Oli und Micha Musik gemacht haben. Nun stehen sie mit der Letzten Instanz auf den großen Bühnen Deutschlands. Und auch die Österreicher und Schweizer Fans fahren voll auf die Jungs aus dem Frankenwald ab. Drummer Specki kommt aus Landsberg am Lech. Er gibt bei der Letzten Instanz den Takt an.

Ein wenig wortkarg ist Oli. Halt so, wie die Franken eben im Allgemeinen seien, ist Letzte Instanz-Chef Holly D.s Kommentar dazu. Und bescheiden ist Oli außerdem und immun gegen Lampenfieber. Wie er sich fühle, wenn er vor 20 000 Leuten spielt? „Ach, schlimmer wär’s vor 20 Leuten, die mich kennen!“, sagt er. Aber ein wenig schade sei es trotzdem, kein Lampenfieber zu haben. „Als ich noch klein war, war das Prickeln vor einem Auftritt eigentlich ganz prickelnd!“ Geboren ist Oli im oberfränkischen Naila und aufgewachsen in Selbitz. Hier hat er die Grundschule besucht und ist später aufs Nailaer Gymnasium gegangen. Bereits im Alter von fünf Jahren hat er begonnen, Musik zu machen. Und auf dem Gym hat er dann in der Heavy Metal-Band „Illuminator“, später in der Schulband „Avalon“ gespielt. Zusammen mit Micha aus Schwarzenstein im Landkreis Hof. Seitdem sind die beiden befreundet. „Aber der Micha ist irgendwann aus „Illuminator“ ausgestiegen, weil wir zu viel Fußball gespielt hatten, anstatt Musik zu machen“, erinnert sich Oli. Und Fußball, das ist so gar nichts für Micha – „Nicht einmal visuell“, lacht er.

Micha spielt Bass und der größte Fehler seines Lebens sei es gewesen, Latein als zweite Fremdsprache auf dem Nailaer Gymnasium gewählt zu haben. Nach dem Abi hat Micha seinen Zivildienst in einem Seniorenstift abgeleistet, bevor er in München evangelische Religions-Pädagogik studiert hat. Danach hat er sieben Jahre als Reli-Lehrer gearbeitet und nebenbei Musik studiert. Seit zwei Jahren ist er Bassist bei der Letzten Instanz – einer Gothic-Band. Gewissenskonflikte hat er deshalb aber nicht. „Die Menschen haben im Grunde doch alle die gleiche Sehnsucht. Sie drücken sie nur anders aus.“

Oli spielt bereits seit 2002 bei der Letzten Instanz: „Ich bin gecastet worden“, sagt er und nickt schelmisch. Drummer Specki ist auch gecastet worden und am gleichen Tag wie Oli bei der Letzten Instanz eingestiegen. Bevor der Landsberger im zarten Alter von drei Jahren seine erste Trommel geschenkt bekam, hat er Kochtöpfe und anderes Haushaltszeug malträtiert. „Eigentlich habe ich schon immer auf allem herumgehauen“, lacht er. Als Vierjähriger – und zu der Zeit noch blondschopfig – stellte er beim Berufe-Raten im Familienkreis einen Traum-Job mit R zur Disposition: Raumfahrer, Rosenzüchter, Rennfahrer…? Mama und Papa waren ratlos. „SchlagzeugerRRR!“, löste Specki damals das Rätsel um seinen Traum-Job auf. Pünktlich zur Einschulung stand für Specki dann auch Schlagzeug-Unterricht auf dem Programm und als Neunjähriger durfte er schon in der Band des Nachbarsjungen auf die Pauke hauen. Einziges Problem: „Die anderen waren alle 19 oder 20 und ich eben erst neun!“ Geschadet hat’s wohl nicht. Auch wenn er anfangs nicht so recht gewusst habe, worum es in einer Rock-Band gehe… 2002 kam Specki zusammen mit Oli zur Letzten Instanz.

Seitdem haben sie das Auf und Ab der Band miterlebt. Zuerst das Ab. „2004 ging so gut wie gar nichts“, blickt Oli zurück, „wir haben Songs geschrieben und Musiker gesucht, aber hören konnte man uns nicht.“ Specki empfand die Situation so: „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gedacht: ,Jetzt hat mich jemand so richtig verarscht!’ Dass jemand von heute auf morgen einfach alles hinschmeißt, war für mich so etwas wie eine persönliche Niederlage.“ Obwohl der Drummer damals einige Angebote von anderen Bands erhielt, hat er der Letzten Instanz die Treue gehalten. „Ich habe fest daran geglaubt, dass wir wieder die Kurve kriegen.“

Genau zu der Zeit stieß Micha zur Band – auf Olis Empfehlung natürlich. Nachdem die Band dann endlich auch mit Holly einen neuen Sänger gefunden hatte, hat sie im vergangenen Jahr einige Festivals gespielt und auch eine kleine Weihnachts-Tour gemacht. Und seit dem neuen Album „Ins Licht“ läuft es eigentlich ganz gut für die Letzte Instanz. „Aber das ist natürlich steigerungsfähig“, meint Micha, „wenn es nach mir ginge, könnten wir zwei Drittel des Jahres auf Tour sein.“ Doch als deutsche Band mit deutschen Texten gebe es Grenzen. Grenzen, die es zu sprengen gelte. Ein klein wenig Dynamit hat die Band schon erfolgreich verpulvert: „Die Österreicher fahren völlig auf uns ab!“, verrät Micha. Und natürlich die Deutschen. „Wenn du vor 20 000 Leuten auf der Bühne stehst, dann ist da eine wahnsinnige Energie, die von den Leuten hoch kommt, wie eine Welle! Beim ersten Mal hat mich das fast umgehauen, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, das ist ein superschönes Gefühl!“, bekennt Micha. Oli sieht die ganze Sache mit oberfränkischer Bescheidenheit: „Wo sollen sie denn auch hin, wenn sie auf einem Festival sind? Aber ich habe schon manchmal grinsen müssen und ich bin auch ein bisschen stolz, dass das so funktioniert“, gibt er nun doch zu. Neben der Festival-Tour arbeitet die Letzte Instanz derzeit schon fleißig an einem neuen Album. „Die Songs werden der Killer sein“, mutmaßt Oli und hofft, dass die neue CD die Band noch einen gewaltigen Schritt nach vorne bringen wird. Doch bevor das neue Album in den Läden stehen wird, geht es im Oktober erst einmal als Support von Schandmaul auf Tour. 16 Shows in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen auf dem Programm und wenn alles nach Plan läuft, wird das neue Album der Letzten Instanz im Frühjahr 2007 auf den Markt kommen.

Pläne für die Zukunft hat Oli, der jetzt in Nürnberg wohnt und neben der Band sein Geld mit Gitarrenunterricht verdient, nicht unbedingt. „Ich will Musik machen“, sagt er. Und das macht er mit der Letzten Instanz und mit der lokalen Band Frogstar Battle Machine.
Specki hofft, dass sich an der momentanen Besetzung der Band nichts mehr ändert. Denn noch einmal mit neuen Kollegen von vorne beginnen zu müssen, könne er sich nicht vorstellen. Außerdem träumt der Landsberger davon, künftig „ein bisschen größere Festivals“ bespielen zu dürfen. Neben seinem Job als Drummer gibt er zwei Mal pro Woche Unterricht auf dem „geilsten Instrument, das es gibt“.

Micha wünscht sich für die Zukunft, mehr spielen zu können, besser zu werden und noch „geilere“ Songs zu schreiben – und bei alledem auch noch genug Zeit für sich zu haben. Der Schwarzensteiner lebt seit einiger Zeit in Würzburg, macht neben der Letzten Instanz „viele Aushilfsgeschichten für andere Bands“ und hat eine halbe Stelle als Musikreferent im Verband für christliche Popularmusik in Nürnberg. Dass er als ehemaliger Religionslehrer einen anderen „Background“ als seine Band-Kollegen hat, habe das Miteinander nie beeinträchtigt. „Ich finde das inspirierend. Und es ist auch noch nie vorgekommen, dass ich nicht 100-prozentig hinter einem Song stehen kann, ganz im Gegenteil! Aber ich denke, das hat mit dieser Szene auch nicht unbedingt etwas zu tun, das könnte überall passieren“, meint Micha und verrät, dass er die meisten Bands, mit denen die Letzte Instanz auf den Festival-Bühnen der Republik steht, gar nicht kennt. Mit dem schwarzen Publikum, das textsicher die Lieder der Letzten Instanz mitträllert, hat Micha keine Berührungsängste. „Das war bei einem meiner ersten Auftritte: Da stand einer in der ersten Reihe, völlig geschminkt mit einem ungedrehten Kreuz auf er Stirn… Ich habe mich nach unserem Auftritt ein wenig mit ihm unterhalten und fand ihn von seiner Art her viel zu lieb, da kommt man ins Nachdenken, warum sich die Leute so herrichten. Aber Probleme mit den Leuten habe ich nicht, sie sind alle sehr nett. Außerdem würde ich da ja Grenzen aufbauen – und Grenzen haben wir doch schon genug!“

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