von Bendis

Ich packe meinen Koffer…

…dass dieser Spruch den Konzertabend in vielerlei Hinsicht prägen würde, war mir anfangs noch nicht klar.

Aber mal von Anfang an. Es stand ein super Konzertabend vor der Tür. Zeromancer und Diary of Dreams versprachen hervorragende Supports für den eigentlichen Hauptact: Unheilig. Zudem war es interessant, ob es vor zahlreichen „Bravo-Grufties“ auf dem Konzert wimmeln würde wie damals bei Oomph!, als deren Single schlagartig weit oben in den Charts einschlug.

Zeromanzer

Zeromanzer

19 Uhr Einlass erschien mir etwas früh, aber in Anbetracht von zwei Vorbands und der Aussicht, dass spätestens um 24 Uhr Schluss sein würde, da ja das karfreitägliche Tanzverbot an die Tür klopfte. Von daher, schnell gestylt und ab ins Auto. Vor der Einfahrt vor dem Zenith war nicht der erwartete Stau von heranreisenden Fans; also würde es vielleicht doch nicht so voll werden. Doch diese Hoffnung zerschlug sich in dem Moment als ich am Einlass vorbei zum Parkplatz fuhr … die Warteschlange schien kein Ende zu nehmen. Und bereits diese Schlange wies ein buntes Sammelsurium interessanter Kleidungsstils auf. Nachdem ich mein Auto ziemlich am Ende des Zenith-Parkplatzes abgestellt hatte und mich brav in die Menge der wartenden Fans eingereiht hatte, war es ein spannender Zeitvertreib, sich die Neuankömmlinge anzusehen. Vom eingefleischten Unheilig-, Zeromancer- oder Diary of Dream-Fan bis hin zum RTL2-Frauentauschkucker über den Bravo-Möchtgern-Gruftie, der sich noch mal eben schnell im New Yorker eingekleidet hat schien alles vertreten zu sein.

Nach einiger Wartezeit in leichter Kälte kamen wir endlich ins Zenith, wo wir gleich mal darauf hingewiesen wurden, dass der Graf nur vor seinem Konzert eine Autogrammstunde geben wird. Allerdings glich diese beim näheren Hinsehen eher einer Massenabfertigung am ersten Merchandise-Stand als dem gewohnten Sich-Kümmern des Grafens um seine Fans.

Um kurz vor 20 Uhr legten dann endlich Zeromancer los. Die fünf sympathischen Jungs aus Norwegen hatten allerdings kein leichtes Los mit der Fanmenge, die scheinbar mehr aus „neuen“ Unheilig-Fans als anderem bestand. Denn diese fanden scheinbar keinen Zugang zu dem Synth Rock der Norweger. Nicht einmal ihr großer Hit „Dr. Online“ konnte die skeptische Menge aus der Reserve locken. Was sehr schade war, denn Zeromancer legte eine dynamische und mitreißende Show hin, zumindestens für die, die sie kannten und definitiv einen guten Musikgeschmack bewiesen. Ein weniger mit Scheuklappen versehenes Publikum wäre definitiv besser für die Jungs gewesen.

Diary of Dreams

Diary of Dreams

Auch der zweite Support „Diary of Dreams“ mit Frontmann Adrian Hates hatte es nicht wirklich leichter. Zwar waren die Jubelschreie der Menge größer als bei Zeromancer als die Band die Bühne betrat, dennoch schaffen es auch die vier Jungs nicht das Eis zu brechen. Vielleicht war die Mischung aus Dark Wave, Elektro, Synth Pop und Rock zu schwer und zu düster für die scheinbar hauptsächlich RTL2 und Viva geprägte Menge. Als Adrian bei einem ihrer größten Hits, „Traumtänzer“, versuchte die Menge zum mitsingen zu animieren, scheiterte er kläglich. Auch das nochmalige Anfeuern des Publikums lauter zu Singen verlief im Nichts. Traurig dass ein grandioser Auftritt einer Band durch ein lasches und vielleicht falsches Publikum so zu Grunde gerichtet wurde.

Beide Vorbands waren eigentlich viel zu schnell von der Bühne verschwunden, aber in Anbetracht dieser Fanmenge war es vermutlich besser. Mal sehen, ob es dem Grafen besser erging.

Nach einigen Umbauten, die unter Anderem das Aufstellen eines Schiffbugs beinhalteten, begann das Konzert von Unheilig bzw. der Videoabend mit Unheilig. Denn unsere Befürchtungen, dass die drei riesigen Videoleinwände zum Einsatz kommen sollten, bewahrheiteten sich leider. So begann das Konzert mit einem kurzen Filmchen, das wohl im Stil des Videos zur aktuellen Single gehalten auf das neue Album einstimmen sollte. Dabei wurde auch nicht vergessen mit den Einblendungen „Unheilig“, „Grosse Freiheit“ und „München“ nochmals drauf hinzuweisen, wo man gerade ist und warum man gerade dort ist. Dann kam der Graf auf die Bühne und startete mit einigen Liedern aus dem aktuellen Album, begleitet von kitschigen und völlig laienhaften Videobeiträgen, die auch Textelemente aus den Songs enthielten, so dass das Ganze schon fast einen karaokehaften Touch bekam. Zwischen den einzelnen Liedern kamen zusätzlich kleine Kurzfilmchen, in denen der Graf am Strand entlang ging oder in einem Cafè saß, irgendwelche Dinge fand und diese nach einer Nahaufnahme seines nachdenklichen Gesichtes in seinen Koffer passte. Aus lauter Langeweile heraus beschloss ich, mir diese Dinge mal zu merken: Also ich packe meinen Koffer und packe ein: eine Flasche aus der ich vorher den Zettel „SOS“ heraushole, ein altes Photo, ein Stein mit Schriftzug, einen Knopf eines alten Radios und eine alte Karte. Spannend wird allerdings, dass ich am Ende all dieser Dinge eine Rose aus dem Koffer hole, aber dazu später mehr. Als erste bekannter Klassiker, der den Schein, es würde nur das aktuelle Album runter gespielt werden, unterbrach, wurde „An deiner Seite“ gespielt. Dieses eigentlich wunderschöne Lied wurde mit der Einblendung total verkitschter roter Rosen völlig zunichte gemacht. Danach ging sofort das neue Album weiter, begleitet von weiteren Texteinblendungen, damit auch wirklich jeder mitsingen konnte. Als weitere Klassiker, die das ganze Konzert ein wenig auflockerten wurden „ Maschine“, „Kleine Puppe“, „Freiheit“ und „Astronaut“ gespielt.

Unheilig

Unheilig

Gegen 23:20 Uhr verließ der Graf die Bühne, aber natürlich nicht ohne die Aussicht auf Zugaben, denn schließlich fehlte noch die aktuelle Single für die zweifellos 80% der Leute gekommen waren. Doch zuvor gab es noch ein weiteres altbekanntes Stück „Lampenfieber“ aus dem vorherigen Album „Puppenspiel“. Dann endlich kam das langersehnte Lied „Geboren um zu leben“. Hierfür packte der Graf in einem seiner so viel eingeblendeten Kurzfilmchen die Rose aus dem Koffer und legte sie an den Strand. Nach diesem fulminanten, von der Dramaturgie her fast nicht mehr zu toppenden Abschluss, ließ es sich der Graf nicht nehmen nochmals auf die Bühne zu kommen um „Mein Stern“ anzustimmen. Auf dem Bug seines Schiffes stehend, eine Fahne schwenkend, wurde auch noch die letzte schöne Ballade völlig zunichte gemacht. Danach fand das Grauen endlich ein Ende, in dem man schon viel früher seine Koffer hätte packen sollen um schnell zu verschwinden.

Ich muss wirklich sagen, das war mit Abstand eines der schlechtesten Konzerte auf denen ich je war. Vor allem das schlechteste Unheilig-Konzert auf dem ich je war. Die einzigen Lichtblicke waren die zwei Vorbands Zeromancer und Diary of Dreams. Unheilig hat sich leider zu sehr dem Kommerz verschrieben. Das fing an bei den überdimensionalen Merchandise-Ständen, wo große Schilder auch für die Bezahlung mit EC-Karten warben, über die völlig überflüssigen drei Videoleinwände – wir waren nun mal im Zenith und nicht in der Olympiahalle – bis hin zu den Kurzfilmchen und den Videos mit Karaokeanschein. Wo bitte sind die Zeiten hin, als dem Grafen noch Kerzen als Bühnendeko reichten und man ihn noch als Grafen erkannte? Wo waren denn auf einmal seine Kontaktlinsen, die ja schon fast sein Markenzeichen waren? Musikalisch war Unheilig zwar noch zu erkennen, auch wenn man merkt, dass das aktuelle Album nicht mehr 100% Unheilig ist und der Graf war auch noch mit vollem Einsatz auf der Bühne dabei …. aber das ganze drumherum hatte nichts mehr mit Unheilig zu tun. Das mag zwar die komplett neuen Fans ansprechen, die von den Ursprüngen nichts mehr kennen, aber die Fans, die von Anfang an dabei waren, dürfte es mehr als abgeschreckt haben. Hoffen wir also, dass der Graf sich bald wieder seinen Wurzeln besinnt und sich nicht komplett umkrempeln lässt.

Ansonsten bleibt nur noch zu sagen, Diary of Dreams kommen zum Glück ohne den Grafen noch mal im Herbst zu uns und auch Zeromancer sollte man mit einem besseren Publikum noch mal erleben.

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