M'era Luna Festival
 
Geschrieben von Daniela am Mittwoch, 16. August 2006

Festivals 12. und 13. August 2006 in Hildesheim


Über 20 000 Leute feiern ein friedliches Fest voller Höhepunkte



Einmal die Gothic-Speisekarte rauf und runter, bitte! Und zum Nachtisch einen Quark aus Electro, EBM und Industrial! Dann noch Metal - als Absacker! Kaffee nehm' ich auch, aber nur schwarz!

Samstag Mainstage:



Den Auftakt zum M’era Luna Festival 2006 machen Sono. Das ist keine Ultraschalluntersuchung, sondern der Name einer Band, die kürzlich noch als Support von Apoptygma Berzerk unterwegs war. Trotz der relativ frühen Stunde ist der Platz vor der Hauptbühne bereits gut gefüllt. Sono kredenzt den Leuten ein kleines aber feines elektronisches Frühstück, das dem Publikum ganz offenbar gut schmeckt.



Den zweiten Gang servieren Northern Lite aus Erfurt. Es gibt Retro-Techno mit einem Schuss Pop, der Appetit auf mehr macht.Girls under Glass Das Menü an diesem Tag ist vielseitig, sodass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Bei Gothminister kommen die Freunde düsterer Metal-Klänge auf ihre Kosten und natürlich lässt auch die Bühnenshow der Norweger keine Wünsche offen.



Girls under Glass holen sich für ihren Gig tatkräftige Unterstützung von Oswald Henke und Eric Burton und liefern den Beweis dafür ab, dass die Gothic-Urgesteine ihr Handwerk beherrschen wie je.

Mit Mesh betritt ein weiterer Altmeister die Bühne, der seinen Sound selber als Electronic Mainstream Crossover bezeichnet. Treffender kann man’s nicht ausdrücken. Der nächste Gang, bitte!



Funker Vogt schenken denn eine Kostprobe elektronischer Mucke ein, und so langsam aber sicher ist der Platz vor der Mainstage schon so richtig schön voll. Party!!!

Und noch ein Urgestein: Beim Auftritt von den Krupps, die bereits auf eine 25-jährige Bandgeschichte zurückblicken können, gibt’s dann die ersten Crowdsurfer an diesem Tag und die Erkenntnis, dass die Altmeister Jung und Alt zu bewirten verstehen.



Der Auftritt von Blutengel auf dem M’era Luna Festival wird von vielen Fans inniglich herbeigefleht. Geben sich Chris Pohl und seine Damen 2006 doch nur vier Mal die Ehre auf deutschen Bühnen. Nach dem Konzert in Hildesheim wird erst einmal eine Weile Ruhe um Blutengel herrschen, da sich Mastermind Chris in den kommenden Monaten verstärkt um Terminal Choice kümmern wird. Entsprechend frenetisch feiern die Blutengel-Anhänger den vom ersten bis zum letzten Takt Show-reichen Auftritt ihrer Idole. Lieb und Leid, Kunstblut und Glitter – so und nicht anders präsentieren sich the Angels of the Dark. Und genau so wollen es die Fans haben.



Ist er’s oder ist er’s nicht? Nachdem sich Front Line Assembly-Kopf Bill Leeb zum WGT 2002 ein Double mit schlechtem Playback geleistet hatte, anstatt selber aufzutreten, dürfte diese Frage nur allzu berechtigt sein. Er sei es wirklich, sagt Bill in Hildesheim und gibt eine Stunde lang Gas, um auch die letzten Zweifler von seiner Echtheit zu überzeugen. Ob das den Fans als Entschuldigung für den 2002-er Skandal ausreichen wird, bleibt abzuwarten.



Als unverkennbar echt erweisen sich Douglas McCarthy und Bon Harris, die zum Nitzer Ebbdiesjährigen WGT die Wiedervereinigung von Nitzer Ebb gefeiert haben. Ganz nach dem Motto „It’s fucking good to be back!“ schmettern NEP in Hildesheim Hit auf Hit (Let your body learn – Aber gerne doch!) aus den Boxen und werden von über 20 000 Leuten abgefeiert, dass es schöner nicht mehr geht. NEP is back!



Und noch ein Altmeister: Als Headliner konnten keine Geringeren als die Gothic-Legenden von Bauhaus verpflichtet werden. Die Band blickt auf über 25 Jahre Geschichte zurück, auf 25 Jahre auf und ab, auf einen steilen Aufstieg, der Bauhaus Kultstatus einbrachte und einer überraschenden Trennung im Jahr 1983, die nur von einer kurzen Reunion-Tour durch die USA Ende der Neunziger unterbrochen wurde, um sich 2005 überraschend zurückzumelden. Bauhaus-Fans werden auf dem M’era Luna Festival 2006 nach über 20 Jahren Live-Abstinenz in Deutschland für ihre Treue belohnt.





Samstag Hangar:




Der Opener am Samstag ist die Band Lluther, die Industrial Rock nach Art der Nine Inch Nails zum Besten gibt. Wohl kaum ein Festival kommt in diesem Jahr ohne Regicide aus. Und so verwundert es nicht, dass die Band um Frauke und Timo sich auch auf dem M’era Luna die Ehre gibt, um den geneigten Hörer von den Regicide’schen Live-Qualitäten zu überzeugen.


Kurz nach Mittag erstrahlt die Mitternachtssonne. Midnattsol tauchen den Hangar ins Farbspektrum norwegischen Metals. Und haben neben reichlich Ohrenschmaus auch Einiges fürs (männliche) Auge zu bieten! Schüttel’ dein Haar für mich!

Mächtig was auf die Ohren gibt es auch von Dope Stars Inc. Wer es mag, wenn Gitarren auf Pop und Elektronik treffen und auch noch ein bisschen herumgeposed wird, der ist mit Dope Stars Inc. gut beraten.



Liv Kristine Unheiligkommt ohne ihre Band Leaves’ Eyes nach Hildesheim, um die Fans in den Genuss einer Solovorstellung kommen zu lassen. Und auch hier wird (wie beim Auftritt von Midnattsol-Schwesterchen Carmen Elise Espenaes) viel für die männlichen Betrachter im Publikum geboten. Das Auge hört mit!



Nichts geht mehr, als der Graf Hof hält. Beim Auftritt von Unheilig ist der Hangar zum Bersten voll. Wahrhaft königlich wird der Graf von seinen Fans empfangen und wer gedacht hat, ein Unheilig-Set könne außer zahlreichen persönlichen Glücksmomenten keine weiteren Überraschungen bereithalten, der wird schnell eines Besseren belehrt. „Ich will leben“ heißt der Song, den der Graf zusammen mit Peter Spilles von Project Pitchfork geschrieben hat und den die beiden auf dem M’era Luna Festival erstmals gemeinsam performen. Wer den Auftritt verpasst hat oder nicht genug davon bekommen kann, kann sich ab 15. September die Single „Ich will leben“ sichern. Adel verpflichtet!



An der Platznot im Hangar ändert sich auch bei Samsas Traum wenig. Mastermind Alexander Kaschte wirbelt wie ein 9mm-Geschoss auf der Bühne herum und gibt einen Ohrwurm nach dem nächsten ab. Und die Fans jubeln, singen und klatschen – und das nicht nur, weil der Auftritt aufgezeichnet wird, wie man erfährt! Samsas Traum rocken! Nichts für Träumer!



Auch der Auftritt von Tristania ist nichts für Leute mit Platzangst. Wie viele passen überhaupt in den Hangar? Auf alle Fälle passt keiner mehr rein, als Gothic Metal mit Frauengesang aus der Halle ertönt.

Das gleiche Bild bietet sich bei den Deathstars: Bereits einige Meter vor dem Hangar ist für viele Fans schon Schluss. Wer das Glück hat, indoor zu gelangen, zelebriert Industrial Metal aus Schweden, der sich alles andere als leblos anhört. Und auch die vierköpfige Band macht noch einen ganz fitten Eindruck.



Am Headliner The Gathering scheiden sich die Geister. Nichts gegen das musikalische Geschick der Niederländer! Aber so manch einem Festival-Besucher drängt sich die Frage auf, ob die Band überhaupt irgendeinen Bezug zur Szene hat - und das nicht nur wegen Clan of Xymoxder farbenfrohen Gewandung der Musiker. Rätselhaft!





Sonntag Mainstage:




Mona Mur feat. St. Claire eröffnen den zweiten Festival-Tag, gefolgt von Elane, die wegen des tragischen Todes von Elis-Sängerin Sabine ins Billing aufgenommen wurden. Bei den beiden Openern herrscht trotz der frühen Festival-Stunde bereits reger Publikumsverkehr vor der Mainstage.



Als Clan of Xymox die Bühne betreten, schwillt die schwarze Menge auf dem Platz schon beachtlich an. Wieder ein Urgestein, das aus einem randvollen Kessel an Repertoire schöpfen kann und sowohl alte als auch neue Fans für sich zu gewinnen versteht.



Wer sich auf dem Zeltplatz von der rauschenden Samstagnacht-Party im Disko-Hangar ausschlafen wollte, wird spätestens bei den ersten Takten von Epica aus süßem Schlummer gerissen. Der Gothic Metal mit Frauengesang aus den Niederlanden macht müde Ohren munter und bietet mit seinem Eintopf aus weichen Balladen und harten Beilagen eine vollwertige Kost zur Mittagszeit.



Wer vor ein paar Jahren noch gedacht hat, der Letzten Instanz hätte das letzte Stündlein geschlagen, wird auf dem M’era Luna Festival eines Besseren belehrt. Eines viel Besseren! Denn nachdem das Besetzungskarussell nun endlich zum Stillstand und ein neues Album in die Läden gekommen ist, erfreut sich die Letzte Instanz einer wachsenden Schar begeisterter Jünger. Astreines Set, Party pur – ganz bestimmt hat die Band bei ihrem überzeugenden Auftritt in Hildesheim einige neue Fans dazu gewonnen.



Fast hätte es ein Wetter-Massaker gegeben. Aber nur fast. Denn bis auf ein paar harmlose Tröpfchen bleibt der Auftritt von The Birthday Massacre vom Regen verschont. Und an dieser meteorologischen Tatsache soll sich auch bis zum Ende des Festivals nichts ändern. The Birthday Massacre beschließen ihre Deutschland-Tournee zwar nicht mit Kaffee und Kuchen, dafür aber mit einem (Geburtstags-)Fest, das sich gewaschen hat. Gratulation!



Dass Apoptygma Berzerk mehr als nur „Shine on“ ist, mag manchen jungen Fan der Norweger vielleicht verwundern – die Anhänger der ersten Stunde freut es jedenfalls, dass die Band sowohl aktuelles als auch altes Liedgut im Gepäck hat. Klassiker wie Non-Stop Violence, Kathy’s Song (Come lie next to me), Until the end of the world und Love never dies reihen sich auf der Setlist in aktuelle Songs wie eben Shine on und zaubern so manch ein Lächeln der Glücksseligkeit auf die Gesichter im Publikum.



So, und wer Apoptygma Berzerk noch ein Weilchen auf sich wirken lassen und den Auftritt besinnlich und Within Temptationstill und in einem Zustand völliger Zufriedenheit nachhängen wollte, der hatte leider absolutes Pech. Und daran ist Ministry schuld! Wer Metal mag, wird Ministry wohl lieben. Zumindest ist das Publikum vor der Bühne alles andere als abgeneigt, dem Geknüppel Gehör und dem Gebrülle Beachtung zu schenken. Doch während die einen vor Begeisterung ihr Haupthaar durcheinander bringen, bleibt anderen, nur verwundert den Kopf zu schütteln. Und knapp am Tinnitus vorbeischrammend, ersehnen wir dringend den Auftritt von In Extremo…



Bei In Extremo wächst die Fanschar vor der Bühne auf ein beeindruckendes Maß an. Jubelnd wird die Band empfangen und entfesselt gehen die Fans vom ersten Takt an mit. Der Mittelalter-Rock von In Extremo gepaart mit einer heißen Bühnenshow (und dies ist bitte im Wortsinn zu verstehen) macht eben einfach gute Laune.



Mit Within Temptation kommen alte Bekannte zum M’era Luna Festival 2006 - diesmal jedoch zum ersten Mal als Headliner. Bereits 2002 und 2004 hat sich die Band um Sharon und Robert in die Herzen des Publikums gespielt und so hat sie an diesem Sonntagabend leichtes Spiel! Neben den musikalischen Qualitäten ist auch die Bühnenshow von Within Temptation und das Outfit von Sängerin Sharon eine Reise nach Hildesheim Wert.

Ein würdiger Headliner, und Melodien, die nachklingen, auch wenn die Musik bereits verstummt ist.





Sonntag Hangar:




Heute werden sich zwei Fragen auf unbefriedigende Weise klären:



1. Was gibt die Anlage im Hangar her?

Nicht genug...

2. Wie viele Leuten passen in den Hangar?

Nicht genug…



Bei Solitary Experiments langt es aber gerade noch für die Anlage. Dafür wird bereits beim Opener der Platz knapp! Na, das kann ja heiter werden!

Auch bei XPQ 21 geht kaum noch ein Stein zur Erde! Der Tag verspricht, spannend zu werden!



Dann kommt Soman. Das heißt, Soman-Kolja versucht’s. Denn irgendwie hört man, dass man nichts oder nur wenig hört. Dafür werden Sprechchöre laut. „Lauter! SomanLauter!“ Pfiffe gibt es auch. Nach dem ersten Lied geht’s so mit der Lautstärke – den Fans könnte es aber viel viel lauter sein. Doch mehr ist leider nicht drin; keine Chance! Dennoch oder gerade weil: Party!!!



Im aus allen Nähten platzenden Hangar ist danach Showtime für Spetznaz. Auch hier drängen sich die Fans dicht an dicht, obwohl das Mittagsläuten erst vor kurzem verstummt ist – was soll das erst am Abend werden???

Rotersand: Vielleicht sollte man das Geschehen auf der Hangar-Bühne im nächsten Jahr auf eine Leinwand im Außenbereich übertragen, damit alle Fans in den Genuss ihrer Bands kommen können? Unglaublich, was sich an diesem Tag im Hangar abspielt!

Muss erwähnt werden, dass auch beim Auftritt von In Strict Confidence der Hangar brechend voll ist?



Dann folgt die mit Spannung erwartete Show von Terminal Choice. Anderthalb Jahre hat die Industrial-Rock-Band um Blutengel-Chef Chris Pohl die Bühne gescheut; drei Jahre mussten sich die Fans gedulden, was Platten-Nachschub anbelangt. Nun sollen sie beides bekommen. Denn mit New born Enemies hat Terminal Choice für brandneues Material gesorgt, nach dessen Live-Präsentation auf dem M’era Luna Festival sich die Anhängerschaft wohl wie neu geboren fühlt.



Ruhigere Klänge schlagen hernach De/Vision an. Ein wenig Synthie, ein wenig Pop, viele Balladen und so Einiges fürs friedliche Abtanzen zu gediegenen elektronischen Tönen… Doch wer nun meint, der Tag im Hangar würde besinnlich ausklingen, der hat die Rechnung ohne ASP gemacht!
Wurde eingangs schon einmal angedeutet, dass der Hangar bei manchen Konzerten gestopft voll war an diesem Sonntag? Bei ASP ist er ganz, ganz sehr gestopft voll. Und auch draußen drängen sich Menschentrauben, um wenigsten des schwarzen Schmetterlings Flügelschlag Besuchervernehmen zu können. Spätestens jetzt brennt die Luft! Und das liegt nicht nur an der Feuershow von ASP…





Das M’era Luna Festival 2006 war ein Festival, das über 20 000 Besucher sicherlich in sehr guter Erinnerung behalten werden. Einerseits wegen der guten Organisation und des reibungslosen Ablaufes, andererseits wegen des brillanten Billings. Denn für jeden Musik-Geschmack war wieder etwas dabei. Die Mischung der Bands hat für ein abwechslungsreiches Wochenende gesorgt. Die Gäste haben ihre Lieblingskünstler live erleben und bislang noch unbekannte interessante Künstler entdecken dürfen. Und weil das Festival in diesem Jahr von schlechtem Wetter verschont geblieben ist, hat es Fans und Bands bestimmt noch einmal so viel Spaß gemacht.

Vielen Dank an alle, die das Festival organisiert, mitgestaltet und betreut haben, an all die netten Helfer vom Sanitätsdienst, Security, Polizei und Feuerwehr, die für die Sicherheit der 22 000 Leute Dienst geschoben haben und an alle Bus- und Taxifahrer sowie die Einwohner von Hildesheim für ihre Toleranz.



© DANIELA MÜHLBAUER

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